DIE CHINESISCHE DREIKIELSCHILDKRÖTE
(Chinemys reevesii)
- von H. Felsner -
Allgemeines:
Die Chinesische Dreikielschildkröte gehört zur Unterordnung Cryptodira
(Halsberger) und zur Familie Bataguridae (Altweltliche Sumpfschildkröten). Sie
tauchte - wie viele Schildkröten Chinas - früher relativ häufig im
europäischen Tierhandel auf, ist jedoch in den letzten Jahren nahezu
vollständig aus dem Handel verschwunden. Als Grund hierfür ist wohl in
erster Linie die starke Nachfrage für den innerchinesischen
Lebensmittelmarkt anzuführen. Die Art muss - zumindest in China - als
hochgradig gefährdet eingestuft werden und fand daher auch Aufnahme in die
Prioritätsartenliste der E.C.S.. Durch das Absammeln
praktisch aller adulten Exemplare, die für den Wok bestimmt sind, kommen - wenn
überhaupt - nur noch juvenile Exemplare zu uns. Viele der früher importierten
Tiere verendeten durch unsachgemäße Pflege und an den Folgeschäden des langen
Transportes. Leider wurde es in den "fetten" Jahren verabsäumt, der
Zucht dieser hochinteressanten Art ausreichend lange Aufmerksamkeit zu widmen.
Dadurch gibt es nur mehr eine begrenzte Stückzahl in Liebhaberhänden.
Systematik:
Die Gattung Chinemys besteht aus derzeit drei validen (C. megalocephala, C.
nigricans und C. reevesii) und mehreren mittlerweile nicht mehr für valide
angesehene Formen, von denen hier nur einen kleiner Auszug wiedergeben wird:
Chinemys megalocephala FANG 1934, Chinesische
Dickkopfschildkröte
Diese Form bewohnt den Osten Mittelchinas (Provinzen Jiangsu, Anhui und
Shanghai). Sie besitzt einen großen Kopf, der auch namensgebend war. sie
ernährt sich vorzugsweise von Schnecken, wodurch es zu der ausgeprägten Kopf-
und Kieferausbildung kommt. Die maximale Größe der Weibchen beträgt mehr als
20 cm, Männchen bleiben kleiner (großköpfige Männchen werden fast nicht
gefunden). Ein Erkennungszeichen von Chinemys megalocephala soll der
fehlende schwarze querverlaufende Balken durch die Pupille sein, doch dies ist
kein sicheres Merkmal. Die drei Kiele sollen nicht so ausgeprägt wie bei Chinemys
reevesii sein. Diese Art wurde zwar mit Chinemys reevesii
synonymisiert (IVERSON et al. 1989), nach neuesten Erkenntnissen (GUO et al.
1997) gebührt ihr jedoch Artstatus.
Chinemys nigricans (GRAY 1834), Chinesische
Rothalsschildkröte
Verbreitung: SO- China (Provinzen Guangdong und Guangxi). Bei dieser Form
unterscheidet DE BRUIN (1996) eine rote und eine grüne Form. Früher glaubte
derselbe Autor (DE BRUIN 1993), anhand der Farbe die Geschlechter unterscheiden
zu können. dem ist jedoch nicht so (DE BRUIN, mündl. Mittlg.).
Damonia unicolor GRAY 1873
Diese Beschreibung basiert, wie von SACHSSE (1975b) ausführlich dokumentiert,
auf einem schwarz gefärbten Männchen von C. reevesii. Seine
Schlußfolgerung, daß alle Männchen im Alter melanistisch werden, konnte weder
von LORENZ (1983) noch SCHAEFER (1981, 1983) oder FELSNER (diese Arbeit) in
dieser Absolutheit bestätigt werden.
Geoclemys grangeri SCHMIDT 1927
Diese Form soll eine auffälligere Kopfzeichnung und ein im Verhältnis zum
Inguinalschild größeres Axillarschild besitzen als C. reevesii.
PRITCHARD (1979) vermutete, daß es sich um eine eigenständige Form handelt.
LORENZ (1983) hat sich über die Validität dieser Form seine Gedanken gemacht,
ohne jedoch Typenmaterial oder Dreikielschildkröten taiwanesischen Ursprungs
untersucht zu haben. LOVICH, ERNST & GOTTE (1985) wiesen formal nach, daß
die Art innerhalb der Variationsbreite von Chinemys reevesii liegt.
Neben diesen offiziell beschriebenen Formen gibt es jedoch auch noch zahlreiche (etwa 5 -8, PHILIPPEN mündl. Mittlg.) phänotypisch und auch morphometrisch durchaus unterscheidbare Vertreter dieser Art, die im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte nach Europa importiert worden sind, die jedoch nicht durch Zucht erhalten wurden und deren Wiederbeschaffung über den chinesischen Tierhandel nahezu aussichtslos erscheint (REIMANN mündl. Mittlg.).
Beschreibung:
Chinemys reevesii besitzt einen ovalen, nicht allzu stark
gewölbten Rückenpanzer. Auf diesem verlaufen drei parallele Längskiele, von
denen der mittlere deutlicher ausgebildet ist als die beiden seitlichen. Bei
älteren Tieren ist oft nur noch der Mittelkiel erkennbar. An den Vorderfüßen
befinden sich fünf, an den Hinterfüßen nur vier krallenbewehrte Zehen.
Zwischen diesen sind schwach ausgebildete Schwimmhäute erkennbar.
Die Farbe des Rückenpanzers ist hellbraun bis schwarz, der Bauchpanzer hingegen
einheitlich schwarz mit hellen Nähten oder hellgelb mit großen bräunlichen
bis schwarzen Flecken.
Die Grundfarbe der Gliedmaßen und des Kopfes ist hellgrau bis schwärzlich. Der
Kopf weist eine gelbliche Strich- und Bogenzeichnung auf. An den Halsseiten
befinden sich zwei bis drei gelbe Längsstreifen. Kehle und Halsunterseite sind
gelb gefleckt. Das Schädeldach ist einfarbig grau bis schwarz. Männchen
können vereinzelt völlig schwarz gefärbt sein (Melanismus). Die Regel ist
dies jedoch, entgegen den Angaben von RUDLOFF (1990), nicht.
Die Geschlechter sind ab einer Größe von etwa 10 cm unterscheidbar. Die
Männchen weisen einen längeren und an der Wurzel dickeren Schwanz und eine
distalere Kloakenöffnung als die Weibchen auf. Sie bleiben mit 12 cm deutlich
kleiner als die Weibchen, die in Ausnahmefällen über 23 cm wachsen können.
Verbreitung und Habitat:
Die Chinesische Dreikielschildkröte bewohnt ein riesiges
Verbreitungsgebiet, welches sich von China (östliche Zentral und
Südostprovinzen) nach Korea, Taiwan (N und Zentrum) und Japan erstreckt (MAO
1971, IVERSON 1992). In den USA und in Kanada wurde die Art ausgesetzt (IVERSON
1992). auch nach Indonesien, hier auf der Insel Timor, wurde die Art
eingeschleppt (PHILIPPEN, RIEMANN, mündl. Mttlg.).
Nahezu alle Gewässertypen, wie Teiche, Tümpel, Kanäle, Bäche, ja sogar
Flüsse und Reisfelder werden von C. reevesii besiedelt (ERNST &
BARBOUR 1989).
Haltungsvorschlag:
Von meiner früher praktizierten Freilandhaltung bin ich abgekommen. Zwar
wird sie von den Tieren einigermaßen toleriert, man bekommt die Schildkröten
jedoch nur selten zu Gesicht, kann somit nie sicher sein, wie ihr
Gesundheitszustand wirklich ist, und auch die Gelege waren kaum auffindbar.
Die Haltung der Zuchtgruppe erfolgt seit 1994 in Terrarien der Größe 120 x 80
x 100 cm (LxBxH). Es wurden je ein Männchen und ein Weibchen zusammengehalten.
Der Wasserteil besteht aus einer Duschwanne von 80X80X20 cm. Der Wasserstand
beträgt 15 cm. DerLandteil mißt 40 x 80 cm. Ein Teil mit den Ausmaßen 40 x 30
ist 12 cm hoch mit Erde gefüllt und dient der Eiablage. Der zweite Teil besteht
aus einer selbst mit Waschbeton beschichteten Styrodurplatte. Als Lichtquelle
dient je ein Neonbalken mit 56 Watt Leistung. Wasser- und Erdteil sind
voneinander durch Steine abgegrenzt.
Beheizt wird der gesamte Raum (Ölofen), sodass auf eine separate Heizung der
Terrarien verzichtet wird. Im Sommer liegen die Temperaturen zwischen 20 und
25°C. Ab Oktober hingegen herrschen Temperaturen von 20°C bis 35°C vor. Die
Wassertemperaturen liegen ganzjährig zwischen 19° und 24°C.
Ernährung:
Chinesische Dreikielschildkröten erhalten zwei- bis dreimal
wöchentlich Regenwürmer, Schwarzkäferlarven (Zophobas), Katzenfutter,
schwimmfähige Karpfen- und Forellenpellets, Rinderherz, Bananen, Fisch,
Garnelen und Muschelfleisch, und zwar soviel, wie innerhalb weniger Minuten
gefressen wird. Große Weibchen fressen hin und wieder nestjunge Mäuse.
Balz und Paarungsverhalten:
Durch Beriechen der Analregion nimmt das Männchen zum Weibchen Kontakt auf. Es
spaziert stelzenartig durchs Wasser und baut sich danach vor dem Weibchen auf.
Dabei öffnet und schließt es ständig sein Maul (Wasserkauen) und stößt mit
seiner Schnauze an die Schnauzenregion des Weibchens. Ist dieses nicht
paarungswillig, versucht es, das Männchen durch Bisse abzudrängen und zu
verjagen. Im Gegensatz dazu beißen paarungswillige Weibchen niemals nach den
Männchen. Sie tolerieren deren Annäherungsversuche.
Im Fall von Paarungsbereitschaft reitet das Männchen von hinten auf das
Weibchen auf und vollzieht die Paarung. Dabei lässt es sich nach hinten fallen
und ist schließlich nur noch mit dem Penis im Weibchen verankert. Die Paarung
selbst dauert in der Regel 10 bis 15 Minuten, kann sich jedoch auf bis zu 30
Minuten erstrecken.
Ausführliche und von den Beobachtungen SACHSSE`s (1975a) abweichende
Feststellungen, machte LORENZ (1983), was zum einen mit den unterschiedlichen
Haltungsbedingungen erklärt werden kann, zum anderen jedoch auch wieder als
Indikator für eine subspezifische Differenzierung (PHILIPPEN mündl. Mttlg.).
LORENZ (l.c.) weist außerdem auf die optische Erkennungsfähigkeiten des
Männchens hin, das "...sein Weibchen auch in einem Gewimmel von über 60
anderen Schildkröten sofort und von allen Seiten erkennen konnte...".
Offenbar vermag das Männchen nicht nur auf einfache Gestaltsmerkmale, wie
Größe, Kopfform und Kopfzeichnung zu reagieren, sondern "erkennt"
wesentlich komplexere Zusammenhänge.
Eiablage und Inkubation:
Einige Wochen nach der Paarung werden die Weibchen sehr unruhig und suchen oft
den Landteil auf. Im angefeuchteten Erde-Torfgemisch legen die Weibchen öfter
ein bis drei Probegrabungen an.
Schlupf und Aufzucht der Jungtiere:
Nach 63 - 85 Tagen schlüpfen die Jungtiere, ähnliche Zeiträume berichten auch
SACHSSE (1975a) und SCHAEFER (1981). Sie brechen die Eischale mit Hilfe ihrer
Eischwiele auf und vergrößern die dadurch entstandene Öffnung mit Kopf und
Vorderbeinen. Die Tiere haben einen im Verhältnis zu ihrer geringen
Schlupfgröße von etwa 2,8 cm sehr langen Schwanz, welcher an Jungtiere der
Europäischen Sumpfschildkröte Emys orbicularis erinnert. Die drei
Längskiele sind bereits deutlich ausgebildet. Die Farbe der Schlüpflinge ist
gräulich, mit zunehmendem Alter werden sie dunkler oder auch hellbraun und ihre
Zeichnung wird kontrastreicher.
Unmittelbar nach ihrem Schlupf kommen die Jungtiere in Plastikgefäße mit ca. 1
cm Wasserstand, in denen sie die ersten Lebenstage verbringen. Nach etwa 4 Tagen
werden die Jungtiere in ein Glasterrarium mit 50 x 40 x 50 cm gesetzt. Der
Wasserstand wird auf 4 Cm angehoben. Eine Moorkienholzwurzel dient als Landteil
und versteck. Plastikwasserpflanzen gehören zur Einrichtung.
Als Futter erhalten die Jungtiere zuerst Rote Mückenlarven, Wasserflöhe und
aufgetautes Frostfutter, später dann kleine Futterpellets. Das Wachstum der
einzelnen Jungtiere verläuft sehr unterschiedlich. Dies ist bei den
Nachzuchttieren von 1995 sehr deutlich zu sehen. alle drei Jungtiere stammen aus
demselben Gelege, sind daher gleich alt, sehen jedoch größenmäßig wie
verschiedene Jahrgänge aus.
Literatur
BRUIN, R. de (1996): Einige Bemerkungen zur Chinesischen Rothalsschildkröte Chinemys kwangtungensis (neuerdings Chinemys nigricans) - Teil 1.- Emys, St. Pölten, 3(3): 29-32
BRUIN, R. de (1996): Einige Bemerkungen zur Chinesischen Rothalsschildkröte Chinemys kwangtungensis (neuerdings Chinemys nigricans) - Teil 2.- Emys, St. Pölten, 3(4): 32-34
BRUIN, R. de (1996): Einige Bemerkungen zur Chinesischen Rothalsschildkröte Chinemys kwangtungensis (neuerdings Chinemys nigricans) - Teil 3.- Emys, St. Pölten, 3(5): 28-31
BRUIN, R. de (1996): Einige Bemerkungen zur Chinesischen Rothalsschildkröte Chinemys kwangtungensis (neuerdings Chinemys nigricans) - Teil 4.- Emys, St. Pölten, 3(6): 32-34
GUO, C.W., L.W. NIE & W. MING (1979): The Karyotypes and NOR´s of two species of Chinemys.- Herp. Ser. 9, Chin. Chelon. Research, Sichuan J. Zool, 15(suppl.): 97-104
IVERSON, John B. (1992):
A Revised Checklist with Distribution Maps of the Turtles of the World
Privately Printed, Richmond, 363 pp.
Copyright 2003, ISV; alle Bilder: Andreas Budischek (zeigen ein stark abgemagertes Männchen vom Lebendtiermarkt in Guangzhou-China)